Ist Individualsoftware Luxus?
Unsere neue Reihe

Einleitende Gedanken
Individualsoftware ist ein fester Begriff im IT-Management und so alt wie die ersten Anwendungssysteme, die in großen Unternehmen in den 60er Jahren entstanden sind. Und schon immer gab es Vorbehalte gegen den Einsatz, einige waren durchaus berechtigt.
Doch neue Methoden der Softwareentwicklung, Open-Source-Bibliotheken und die konsequente Programmierung unter dem Aspekt der Wiederverwendung von Komponenten haben viele Argumente gegen den Einsatz von Individualsoftware ad absurdum geführt.
Kund*innen und das jeweilige Geschäftsmodell sollten im Mittelpunkt stehen
Doch wann ist der Einsatz von Individualsoftware sinnvoll? Weithin verbreitet ist folgende Annahme: Bei einer Abdeckung der eigenen Prozesse zu 50 - 60 % durch vorhandene Standardsoftware sollte diese sinnvollerweise auch eingesetzt werden. Der Rest kann auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Im Regelfall sei dieses Vorgehen günstiger als die komplette Neuentwicklung der benötigten Software.1
Doch ist dieser Ansatz noch zeitgemäß? Ist es sinnvoll, dass IT-Infrastruktur, Software und Technik im Fokus stehen, aber nicht die Anwender*innen und vor allem die individuellen Problemstellungen sowie das Geschäftsmodell? Anders gefragt: Wer würde beim Kauf eines Anzugs über eine Veränderung seiner Statur nachdenken?
Warum sollte man seine bewährten betrieblichen Prozesse an einer neuen Software ausrichten?
Eine Standardsoftware, die zu jedem Unternehmen passt, kann es ebenso wenig geben wie den Anzug, der alle Konfektionsgrößen abdeckt. Und auch das sogenannte Customizing hat Grenzen, umfasst es doch eine Änderung eben jener Standardsoftware. Je weniger „Standard“ sie sein soll, umso umfangreicher wird das Customizing und erzeugt hohe Kosten, nicht nur für die eigentliche Implementierung, sondern auch für Test und Weiterentwicklung.
Luxus oder Notwendigkeit?
Der Begriff Luxus bedeutet „Verschwendung“ oder „Überfluss“ und bezeichnet in unserem Sprachgebrauch Verhaltensweisen, Aufwendungen oder Ausstattungen, die über das übliche Maß oder den als normal definierten Standard hinausgehen, der gesellschaftlich akzeptiert ist.2
Dieser Definition folgend, ist der Einsatz einer Standardsoftware, von deren Funktionsumfang man nur 60 % nutzt, Luxus. Ein Luxus, der jedem guten Controller und CIO ein Dorn im Auge sein sollte.
1 Vgl. Teich, Irene: Der richtige Weg zur Softwareauswahl: Lastenheft, Pflichtenheft, Compliance, Erfolgskontrolle. Springer. S.1.
2 Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Luxus
